Zu guter Letzt
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Derzeit wird die Installation «Übergänge» noch aufgebaut. Wer in die Sonderschau der Studierenden eintauchen will, soltte anch nach Zürich reisen. Foto: zvg
Unser Alltag wird schneller, dichter und digitaler. Doch macht uns die Technik tatsächlich freier – oder setzt sie uns nur stärker unter Druck? Studierende der HF ZUG suchen an der an der internationalen Wohn- und Designmesse «neue räume 26» nach Antworten.
Ein Holzkubus steht mitten im Messetrubel. Drinnen ist die Welt eine andere. Drei Räume, drei Stimmungen, drei Stationen auf einer Reise, die mit Überforderung beginnt und bei der Natur endet. Was zunächst wie eine klassische Designinstallation wirkt, entpuppt sich als Einladung, das eigene Lebenstempo für einen Moment zu hinterfragen.
Entworfen wurde die begehbare Installation von Studierenden des Lehrgangs Einrichtungsgestaltung der HF ZUG. Sie präsentieren ihre Arbeit vom 24. bis 27. September 2026 an der internationalen Wohn- und Designmesse «neue räume 26» in Zürich-Oerlikon. Ihr Thema ist ausgesprochen zeitgemäss: Wie viel Geschwindigkeit verträgt unser Alltag?
Denn während digitale Technologien versprechen, Arbeit und Kommunikation einfacher und effizienter zu machen, scheint gleichzeitig die Zahl der Dinge zu wachsen, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Nachrichten treffen rund um die Uhr ein, Termine verdichten sich, Bildschirme begleiten uns vom Aufstehen bis zum Einschlafen. Zwischen Erreichbarkeit und Informationsflut bleibt die Frage: Wo bleibt eigentlich die Zeit zum Durchatmen?
Genau hier setzt die Installation der HF ZUG an. Sie will nicht belehren, sondern ein Erlebnis schaffen. Wer den Kubus betritt, lässt den Messetrubel hinter sich und durchläuft drei Räume, die unterschiedliche Zustände des modernen Lebens spiegeln.
Der erste Raum konfrontiert die Besucherinnen und Besucher mit der Realität des digitalisierten Alltags. Tempo, Dichte und Reizüberflutung stehen im Zentrum. Die Gestaltung übersetzt damit etwas in den Raum, das viele Menschen aus ihrem täglichen Leben kennen: das Gefühl, ständig reagieren zu müssen und kaum noch zur Ruhe zu kommen.
Dabei richtet sich die Arbeit nicht gegen die Digitalisierung an sich. Vielmehr geht es um den Umgang mit ihr. Technologie kann Zeit sparen und Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig kann sie aber auch dazu führen, dass die gewonnene Zeit sofort wieder gefüllt wird. Aus Effizienz entsteht neue Geschwindigkeit, aus Erreichbarkeit permanente Verfügbarkeit.
Die Studierenden stellen damit eine Frage, die weit über die Designwelt hinausreicht. Wie wollen wir leben, wenn immer mehr Abläufe schneller werden?
Nach der Konfrontation mit dem digitalen Dauerrauschen verändert sich die Atmosphäre. Im zweiten Raum stehen Spiegel im Mittelpunkt. Sie fordern dazu auf, innezuhalten und sich selbst in die Augen zu schauen.
Was im Alltag oft kaum Platz findet, wird hier zum eigentlichen Gestaltungselement: die Selbstbeobachtung. Für einen kurzen Moment geht es nicht um Nachrichten, Termine oder die nächste Aufgabe, sondern um die eigene Wahrnehmung.
Gerade für Menschen, die sich intensiv mit Gestaltung beschäftigen, ist dieser Perspektivenwechsel spannend. Wer Räume gestaltet, muss beobachten können. Licht, Materialien, Proportionen und Geräusche werden bewusst wahrgenommen. Die Studierenden drehen diesen Blick um: Nicht die Umgebung steht im Zentrum, sondern der Mensch, der sich in ihr bewegt.
Der Spiegel wird damit zum stillen Gegenstück zur hektischen Welt des ersten Raumes.
Im dritten Raum wechselt die Installation erneut ihre Wirkung. Unter dem Motto «Nature is calling» rückt die Natur in den Mittelpunkt. Nach Tempo und Selbstreflexion folgt die Regeneration.
Materialien, Eindrücke und Atmosphäre sollen die Sinne ansprechen und zeigen, was geschieht, wenn die Überreizung nachlässt. Die Natur erscheint dabei nicht als dekorative Ergänzung, sondern als Gegenwelt zum permanenten digitalen Input.
Es geht um eine Rückbesinnung auf Dinge, die im hektischen Alltag leicht verloren gehen: Ruhe, Wahrnehmung, Einfachheit und Zeit. Der dritte Raum macht damit aus der Frage nach dem Zuviel eine Einladung zum Weniger.
Die Installation endet allerdings nicht mit dem Verlassen des Kubus. Während der vier Messetage wird der Ort auch zur Bühne für Gespräche. Talks mit verschiedenen Gesprächsgästen greifen die Themen Digitalisierung, Zeit und Sinnesüberreizung auf und bringen weitere Perspektiven in die Diskussion.
Damit wollen die Studierenden aus einer individuellen Erfahrung einen gemeinsamen Austausch machen. Denn die Frage, wie viel Tempo ein Mensch aushält, lässt sich kaum allein beantworten. Was der eine als produktive Geschwindigkeit erlebt, empfindet die andere vielleicht längst als Überforderung. Und während manche Menschen die digitale Welt als Entlastung wahrnehmen, erleben andere sie vor allem als Quelle ständiger Ablenkung.
Der Holzkubus wird so zum Treffpunkt mitten in einer Messe, die sich eigentlich mit Wohnen und Design beschäftigt. Das passt durchaus: Schliesslich sind Räume nicht nur Kulissen. Sie beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie wir uns bewegen und wie wir miteinander umgehen.
Die Studierenden der HF ZUG zeigen mit ihrer Arbeit, dass Gestaltung deshalb mehr kann, als schön auszusehen. Sie kann Fragen stellen, Gewohnheiten sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen.
Vielleicht liegt die eigentliche Stärke der Installation genau darin: Sie verlangt ihren Besucherinnen und Besuchern nichts ab. Sie fordert nicht dazu auf, das Smartphone auszuschalten, das Arbeitstempo zu reduzieren oder das eigene Leben komplett neu zu organisieren. Sie schafft lediglich einen Raum, in dem man kurz aussteigen kann.
Ausgerechnet an einer Designmesse, auf der sich alles um neue Ideen, Produkte und Trends dreht, entsteht damit ein Ort für das Gegenteil: einen Moment ohne Eile.
Wer den Kubus verlässt, nimmt deshalb womöglich nicht nur einen Eindruck von Gestaltung mit. Sondern eine Frage: Was würde passieren, wenn wir unserem Alltag nicht noch mehr Geschwindigkeit hinzufügen – sondern ihm gelegentlich einfach ein wenig davon wegnehmen?
Uwe Guntern
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