Zu guter Letzt
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Einsteigen, eine Leitlinie verfolgen oder eine Zugtür finden, für sehende Menschen sind solche Situationen meist Routine. Für unseren Selbst-versuch am Bahnhof Zug wird daraus plötzlich eine Aufgabe, die Konzentration, Vertrauen und ein gutes Gehör verlangt.
Wie fühlt es sich an, wenn ein Bahnhof plötzlich zum verworrenen Labyrinth wird? Im Vorfeld des Tages des Weissen Stocks vom 15. Oktober haben wir uns am Bahnhof Zug auf einen besonderen Selbstversuch eingelassen. Mit drei speziellen Brillen erlebten wir, wie sich eingeschränktes oder fehlendes Sehvermögen anfühlt. Begleitet wurden wir dabei von Janka Reimmann und ihrem Blindenführhund Oreo. Schnell wurde klar: Was im Alltag selbstverständlich scheint, kann ohne Sehvermögen zu einer echten Herausforderung werden.
Am Montag, 28. September, treffen wir, Sofjia Prsic und Michael Schwegler von der «Zuger Woche», am Bahnhof Zug auf die Sehbehinderte Janka Reimmann. Sie ist gemeinsam mit ihrem schwarzen Labrador Oreo aus Winterthur angereist. Für die beiden ist der Bahnhof Zug noch unbekanntes Terrain. Eine Frau, die ebenfalls gerade aus dem Zug gestiegen ist, hilft ihnen zunächst, den richtigen Weg durch den Bahnhof zu finden.
Wir erkennen Oreo schliesslich an seiner schwarzen Fellfarbe – und damit auch seine Besitzerin. Nach einer kurzen Begrüssung erklärt uns Reimmann, was an diesem Morgen auf dem Programm steht. Drei Brillen sollen unterschiedliche Formen der Sehbeeinträchtigung simulieren: Die Einlochbrille ermöglicht nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Umgebung und erzeugt einen Röhrenblick. Die zweite Brille lässt alles verschwommen erscheinen. Und mit der Dunkelbrille ist tatsächlich: nichts. Schwarz.
Unser Auftrag klingt zunächst ziemlich einfach. Mit dem Blindenstock sollen wir den Weg entlang der Blindenlinien bis zur Bushaltestelle finden, eine Bustüre ertasten und anschliessend herausfinden, wohin der Bus fährt. Danach geht es zurück zum Bahnhof. Dort wartet die nächste Aufgabe: Einen einfahrenden Zug wahrnehmen und eine Türe finden. Klingt machbar. Spoiler: Ganz so einfach ist es nicht. Den Anfang macht die Einlochbrille. Reimmann erklärt uns genau, wie sie getragen wird, bevor wir ihren Blindenstock übernehmen. Kaum ist die Brille aufgesetzt, verändert sich die Umgebung. Der Bahnhof ist zwar noch da, doch unser Blickfeld ist auf einen winzigen Ausschnitt reduziert. Wir folgen den Linien am Boden. Schritt für Schritt. Langsamer als gewohnt. Und vor allem konzentrierter. Der Weg vom Ausgang des Bahnhofs bis zur Bushaltestelle wird plötzlich zur Aufgabe, die volle Aufmerksamkeit verlangt. Reimmann fordert uns sogar auf, bewusst einmal in den Blindenstock zu laufen. Der Grund: Wir sollen spüren, wie sich Hindernisse für blinde Menschen ankündigen können. Als der Stock zurückgestossen wird, denkt man zunächst nicht an einen Menschen, sondern an einen Randstein oder eine Schwelle.
Genau diese Unsicherheit, erklärt Reimmann, kenne sie aus ihrem Alltag. Ein Widerstand am Stock lässt nicht automatisch erkennen, was sich vor einem befindet. Ist es ein Gegenstand? Eine Stufe? Ein Mensch? Die Situation muss eingeordnet werden und das kann einen erschrecken. Spätestens hier wird deutlich: Der Blindenstock ist weit mehr als ein Hilfsmittel. Er liefert Informationen, aber er nimmt einem die Aufgabe nicht ab, diese Informationen auch richtig zu deuten.
Dann kommt die Dunkelbrille zum Einsatz. Jetzt ist wirklich alles schwarz. Die Linien nur noch über den Blindenstock spürbar, die Menschen über die Gespräche hörbar, und die Türen schwer wahrzunehmen. Denn wo beginnt ein Bus und wo endet er?
Unsere Aufgabe: Anhand der Bodenlinien eine Bustüre finden und einsteigen. Wir tasten uns vorwärts und erreichen tatsächlich den Bus. Ein erster kleiner Erfolg. Doch damit ist die Aufgabe noch nicht beendet. Entlang der Linien geht es weiter am Bus entlang, bis eine grössere Fläche an Linien folgt, welche anzeigt, dass man zuvorderst beim Bus angekommen ist. Wir steigen in den Bus und fragen eine Person im Bus, wohin dieser fährt. Die Antwort: Der Busfahrer sei noch nicht da. Wir versuchen zu erklären, dass wir trotzdem wissen möchten, wohin der Bus fährt. Schliesslich erhalten wir die Antwort: nach Oberägeri.
Für uns ist die Situation zunächst etwas kurios. Für Reimmann ist sie ein hervorragendes Beispiel aus ihrem Alltag. Sie nimmt uns kurz zur Seite und erklärt, dass sie solche Situationen immer wieder erlebt. Menschen würden ihr etwas erklären oder beschreiben, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sie nichts sehen kann. Gut gemeint ist also nicht automatisch hilfreich. Genau hier zeigt sich, wie wichtig Sensibilisierung ist. Eine Person mit einer Sehbehinderung braucht nicht zwingend mehr Hilfe, sondern vor allem die richtige Hilfe. Und manchmal genügt dafür bereits eine einfache Frage: «Brauchen Sie Unterstützung?»
Für die zweite Aufgabe wechseln wir den Ort und gehen zu den Gleisen. Nun sollen wir einen einfahrenden Zug wahrnehmen und eine Türe finden. Was sich für Sehende banal anhört, wird mit der Dunkelbrille zur Herausforderung. Wir müssen uns vollständig auf unser Gehör und den Blindenstock verlassen. Gleichzeitig wird der Selbstversuch durch die aktuelle Situation am Bahnhof erschwert. Wo gebaut wird, gibt es zusätzliche Geräusche. Ein Zug, eine Baustelle, Menschen, Durchsagen – plötzlich wird es schwierig, die einzelnen Geräusche auseinanderzuhalten. Für Reimmann gehört genau dies zum Alltag. Wenn ein Zug einfährt, muss sie nicht nur wissen, wo er steht. Sie muss auch die richtige Türe finden und sicherstellen, dass sie tatsächlich in den gewünschten Zug einsteigt. Dabei hilft ihr Oreo. Der Labrador ist als Blindenführhund ausgebildet und unterstützt sie bei der Orientierung. Doch auch für ihn ist ein unbekannter Bahnhof eine Herausforderung. Oreo muss neue Orte ebenfalls kennenlernen und sich zunächst orientieren. Reimmann erklärt uns zudem, dass Oreo im Blindengeschirr nicht unbegrenzt arbeiten kann. Nach maximal rund 30 Minuten braucht der Labrador eine Pause, um sich zu erholen und auf die nächsten Aufgaben vorzubereiten. Auch die Ausbildung der Blindenführhunde hat ihre Besonderheiten: Die Hunde werden mit italienischen Begriffen ausgebildet. Der Grund liegt gemäss Reimmann darin, dass die italienische Sprache viele Vokale enthält und sich die Kommandos für die Hunde gut unterscheiden lassen.
Nach den verschiedenen Selbstversuchen sind wir müde. Körperlich nicht in erster Linie. Vielmehr ist es die permanente Konzentration, die Energie kostet. Wo wir uns sonst nebenbei orientieren, müssen wir plötzlich bewusst zuhören, tasten, überlegen und Vertrauen in den nächsten Schritt haben. Der Selbstversuch hat unseren Blick auf einen Ort verändert, den wir eigentlich gut zu kennen glaubten. Ein Bahnhof ist für sehende Menschen vor allem ein Ort, an dem man auf die Anzeigetafel schaut, dem Perron entlanggeht und schliesslich in den richtigen Zug steigt. Für eine blinde Person besteht derselbe Weg aus vielen einzelnen Informationen und Entscheidungen.
Janka Reimmann begegnet genau diesen Situationen jeden Tag mit erstaunlich viel Ruhe und Humor. Auch wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, entsteht kein Stress. Sie nimmt sich Zeit, erklärt, korrigiert und lässt uns ausprobieren. Gerade ihr Humor bleibt uns nach dem Selbstversuch besonders in Erinnerung. Denn der Alltag mit einer Sehbehinderung besteht nicht nur aus Hindernissen. Es geht auch darum, Lösungen zu finden, Dinge auszuprobieren und sich auf andere Menschen zu verlassen. Dafür braucht es allerdings manchmal Mut – etwa den Mut, fremde Menschen anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Dass die Reaktionen darauf nicht immer so ausfallen, wie man es sich wünschen würde, zeigt unser kleines Erlebnis im Bus eindrücklich.
Der Selbstversuch legt die Anliegen und den Alltag blinder und sehbehinderter Menschen offen und macht aufmerksam . Für uns wurde dabei deutlich: Mehr Sensibilität beginnt oft mit kleinen Dingen, wie genauer hinzuhören, nicht vorschnell zu handeln und einfach einmal zu fragen: «Kann ich Ihnen helfen?»
Sofija Prsic und Michael Schwegler
Der Tag des Weissen Stocks
Jedes Jahr am 15. Oktober versuchen weltweit Bildenverbände für die Situation von sehbehinderten oder bilden Menschen zu sensibilisieren. In diesem Jahr macht der Schweizerische Blindenbund darauf aufmerksam, dass die gesetzlich vorgesehene Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr noch nicht überall erreicht ist.
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